Was ist los in Weimar?

Inzwischen hat sich in mehreren Städten herumgesprochen, dass im Soziokulturellen Zentrum Gerberstraße in Weimar heftige Diskussionen geführt werden, dass es um sexuelle Übergriffe geht und dass sich eine „Spaltung“ der Weimarer Szene ankündigt.

Wir wollen im Folgenden in aller Kürze eine Übersicht über den Verlauf der Diskussionen geben. Auf der Queerschnitt-Seite veröffentlichen wir alle weiteren Texte (Positionspapier der Unterstützer_innengruppe der Betroffenen, Statement der Antifagruppe Weimar, eine detaillierte Chronik der Geschehnisse), da dieser Blog nicht mehr repräsentativ für beide Häuser (Gerber 1 und Gerber 3) stehen kann.

Am Mittwoch den 29.10. wurde auf dem Vereinsplenum der Gerberstraße zum ersten mal über die sexuellen Übergriffe gesprochen, die in den Räumen der Gerberstraße stattgefunden haben. Mehrere Betroffene, die aufgrund der Übergriffe die Gerberstraße nicht mehr besuchen wollten und konnten, hatten sich an Vertrauenspersonen gewendet. Diese U-Gruppe richtete sich am 29.10. zum ersten mal mit ihren Forderungen an die Öffentlichkeit. Vorangegangen war dem ein Gespräch mit dem Täter, der in der Gerberstraße wohnt. Dieses Gespräch fand am Sonntag den 26.10. statt. Ihm wurde die Möglichkeit gegeben sein Verhalten zu reflektieren und ihm wurde nahegelegt ohne eine größere Öffentlichkeit aus der Gerberstraße auszuziehen. Nach diesem Gespräch richtete der Täter sich an Vertrauenspersonen und erzählte ihnen von den Vorwürfen. Diese Vertrauenspersonen machten daraufhin die Vorwürfe öffentlich und mobilisierten zum Vereinsplenum am 29.10.. Innerhalb dieser drei Tage gab es bereits Reaktionen aus Leipzig: Die Freunde des Täters hatten die Vorwürfe und die Sicht des Täters innerhalb weniger Tage über Thüringen hinaus öffentlich gemacht.

Darauf reagierte wiederum die U-Gruppe und veröffentlichte auf dem Plenum ein Positionspapier, indem sie darstellte, dass sie nach dem Prinzip der Definitionsmacht handeln, dass die Betroffenen anonym bleiben wollen und dass keine Details über die Übergriffe veröffentlicht werden sollen. Weiterhin forderte die U-Gruppe, dass der Täter aus der Gerberstraße ausziehen muss und aus den Projekten und Zusammenhängen der Gerberstraße ausgeschlossen werden soll, damit die Betroffenen wieder Zugang zu den Räumen und der politischen Arbeit in der Gerberstraße haben können.

Auf diesem Plenum entwickelte sich eine Stimmung, die die Diskussion in den folgenden Wochen prägen sollten. Es bildeten sich zwei Lager heraus: Eine Gruppe, die sich eher der Gerberstraße 1 zuordnet, Sexismus als ein Problem in der Gerberstraße wahrnimmt und größtenteils die Definitionsmacht unterstützt und eine Gruppe, die sich eher der Gerberstraße 3 und der Wunderbar zuordnet und das Prinzip der Definitionsmacht nicht anerkennt (die Beschreibung der zwei Lager soll nicht den Eindruck erwecken, dass es sich um zwei homogene Gruppen handelt, sondern soll viel mehr eine Entwicklung darstellen). Schnell wurde auch deutlich, dass die zweite Gruppe der ersten Gruppe auf dem Plenum zahlenmäßig überlegen war und dass die U-Gruppe in eine Verteidigungs- und Rechtfertigungsposition gedrängt wurde.

An diesem Verhältnis sollte sich auch im Verlauf der Diskussion, der sich in den letzten vier Wochen vollzogen hat nicht viel ändern. Von der U-Gruppe wurden Details verlangt, es wurde eine Vermittler_innengruppe und die Bildung einer neuen U-Gruppe gefordert. Die U-Gruppe ging, jeweils nach Rücksprache mit den Betroffenen, auf keine dieser Forderungen ein und beharrte konsequent auf dem Prinzip der Definitionsmacht. Der U-Gruppe wurde hingegen vorgeworfen Macht zu missbrauchen, die Übergriffe zu instrumentalisieren oder gar erfunden zu haben und die Gerberstraße bewusst „spalten“ zu wollen. Auf den Plena und in der Zwischenzeit gab es immer wieder persönliche Angriffe und Drohungen auf Mitglieder der U-Gruppe und auf diejenigen, welche sich solidarisch mit der U-Gruppe erklärten.

Am vierten Plenum zu den Übergriffen, am 19.11., eskalierte der Konflikt, der sich gegen die Intention der U-Gruppe, längst kaum noch um die konkreten Vorfälle und die Betroffenen drehte. Nachdem mehrere Personen aus dem Umfeld der Gerberstraße 1 das Plenum verlassen hatten, kam es am 19.11. zu einer Abstimmung und mehreren Beschlüssen. Diese Beschlüsse beinhalteten, dass zwei Mitglieder der U-Gruppe, die zuvor in der Gerberstraße gewohnt hatten und als Sozialarbeiter_innen angestellt gewesen waren, aus der Gerberstraße ausziehen müssen, dass sie sämtlichen Ämtern innerhalb der Gerberstraße enthoben werden und den Zugang zu jeglicher Infrastruktur der Gerber verwehrt bekommen. Einem dritten Mitglied der U-Gruppe, die Vorstandsmitglied des Gerber 1 e.V. ist, wurde nahegelegt von diesem Vorstand zurückzutreten. Anschließend wurden mehrere Schlösser zu Räumen in der Gerberstraße ausgetauscht. Wohlgemerkt handelte es sich bei diesen Räumen um öffentliche Räume und um das Büro der Gerberstraße 1.

Außerdem stellte sich in den Beschlüssen das Mittwochsplenum ausdrücklich hierarchisch über das Montagsplenum der Gerberstraße 1 und das Gerber-WG-Plenum. In der Gerberstraße 1 war ein Hausverbot für den Täter bereits beschlossen und auf dem WG-Plenum war in einem Stimmungsbild die Mehrheit für einen Auszug des Täters.

Am folgenden Tag wurden die zwei Mitglieder der U-Gruppe, welche bis dahin der Gerberstraße gewohnt hatten, schriftlich von den Mitgliedern des Vereinsvorstand der Gerberstraße 3 über ihren Ausschluss informiert.

Mit diesen Beschlüssen kehrte das Vereinsplenum nicht nur die Forderungen der U-Gruppe, dass der Täter ausziehen soll und den Betroffenen der Zugang wieder ermöglicht werden soll, in ihr Gegenteil. Sondern damit wurden zum ersten mal in der Gerberstraße Vereinsstrukturen für den sozialen und politischen Alltag wirksam. Bis dahin galten die beiden Vereine der Gerberstraße nur als Formalien, um in Verhandlungen mit der Stadt Weimar eine Rechtsperson stellen zu können, Legalisierung und Duldung für die beiden Hausprojekte zu erlangen und um öffentliche Fördermittel beziehen zu können.

Außerdem wurde den Menschen, welche die Räume der Gerberstraße 1 benutzen und dort politischen und kulturellen Aktivitäten nachgehen, über die Nutzung der Macht der Vereinsstruktur, das Recht auf Selbstorganisation und Beschlussfähigkeit abgesprochen. Dabei sollte auch benannt werden, dass ein Großteil derjenigen Menschen, welche diese Entscheidungen per Abstimmung beschlossen haben, seit Jahren kaum am politischen und sozialen Alltag der Gerberstraße (außerhalb des Kneipenlebens) beteiligt sind.

Die Zukunft des Soziokulturellen Zentrums Gerberstraße, welches bundesweit als linksradikales Projekt und Teil einer emanzipatorischen Bewegung bekannt ist, ist somit akut in Frage gestellt. Wir vermuten, dass darum in den nächsten Monaten Kämpfe geführt werden. In der Auseinandersetzung der Linken mit Geschlechterverhältnissen und sexualisierter Gewalt, haben die Auseinandersetzung innerhalb der Gerberstraße inzwischen (in einem negativen Sinne) Geschichte gemacht.

Statement der U-Gruppe

Eine Chronik der Vorfälle

Statement der Antifagruppe Weimar

Forderungen von 40 Leuten aus der Gerber 1